>>da sah ich sie: hunderte von fleischstücken hingen an langen haken. blut rann von den frischen stücken herunter. ich lief an den fleischstücken vorbei und fand keinen ausgang. mein weißes kleid wurde ganz blutig.<<

der ottobeurer literaturkreis las zum ersten mal 2017. im januar starteten wir die lesereihe 'macht und machtmissbrauch. gewalt gegenüber frauen'. lange bevor die #metoo debatte ausgelöst wurde.

'die 'vegetarierin' von han kang, 'blauschmuck' von katharina winkler und 'die eiträger' von anna enquist machten den anfang. diese romane waren der auftakt eines abwechslungsreichen und disputablen literaturprogramms. der beginn eines intensiven meinungsaustausches in einer weltoffenen runde.

book review no 1.

die vegetarierin.

die vegetarierin.

selbstverzehr.

rezension

die vegetarierin – han kang

 >>Ich hatte einen Traum<< bekundet Yong-Hye, die laut ihrem Ehemann an Durchschnittlichkeit kaum zu übertreffen ist – bis sie nach diesem Traum beschließt, kein Fleisch mehr zu essen.

„Es ist mein Herz, das schmerzt, und in meiner Magengrube spüre ich einen undefinierbaren Druck. Er ist immer da. Was sich dort ansammelt und festgesetzt hat, das sind Schreie und Gebrüll. Und die kommen vom Fleisch. All die Seelen sind dort eingeklemmt. Blut und Fleisch werden verdaut, die Nährstoffe überall im Körper verteilt. Der Rest wird ausgeschieden. Aber die Seelen klammern sich hartnäckig in meinem Magen fest. Ich möchte einmal, ein einziges Mal einen großen Schrei ausstoßen können."

In den Träumen machen sich Verlorenheit, Einsamkeit und Angst breit. Bilder von blutigen Fleischstücken, die an Bambusstangen hängen, ihr weißes Kleid beflecken, Mund und Gaumen mit dem Geschmack von Blut benetzen. Von da an nimmt Yong-Hye kein Fleisch mehr zu sich. Selbst der Geruch von Fleisch an ihrem Mann widert sie an. Die bis dahin ohnehin leidenschaftslose Ehe zerfällt zunehmend. Sie wird schließlich von ihrem chauvinistischen Mann vergewaltigt. Die nur vorgeblich funktionale Beziehung zu ihren Eltern und ihrem Bruder, das ebenso trügerische Eheglück ihrer Schwester und letztendlich sie selbst zerbrechen.

zerfall und befreiung.

In drei Kapiteln zeigt der Roman den Zerfall und gleichzeitig die Befreiung von Yong-Hye auf. In wechselnden Perspektiven wird ihr Kampf zunächst aus dem Blickwinkel von Yong-Hyes Ehemann, anschließend aus der Perspektive ihres Schwagers und im abschließenden Kapitel aus der Sicht ihrer Schwester dargestellt. Mit dem Moment, in dem Yong-Hye in der Nacht den Kühlschrank öffnet und die Gefrierbeutel mit Fonduefleisch, Schweinebauch, Rinderfilets, Tintenfisch und Aal Stück für Stück in einem Müllbeutel entsorgt, beginnt die Veränderung – in ihrem Leben und in dem Leben ihres Mannes und ihrer Familie.

Die drei Erzählinstanzen schildern die sich verändernden Positionen der Protagonistin, aber auch die durch sie ausgelösten Konflikte, Ängste, Hemmnisse und Begehrlichkeiten der übrigen Hauptpersonen.

In einem Land, wie Südkorea, in welchem Fleischgerichte einen hohen Stellenwert auf dem Speiseplan haben, liegt es nahe zu vermuten, dass der gänzliche Verzicht auf Fleisch als subversiver Akt angesehen wird.

kampf gegen die normen eines patriarchalischen systems.

In der Tat erleben wir einen Akt der Rebellion, einen Ausbruch aus gesellschaftlichen Strukturen, einen Kampf gegen die Normen einer patriarchalischen Gesellschaft.

Die bis dahin unscheinbare Yong-Hye sprengt die einengenden Konventionen durch ihr Vorhaben, sich zu entmenschlichen. Sie verweigert sich zunehmend allen Konventionen, Verhaltensnormen und Kleiderordnungen. Sie stellt immer mehr die Nahrungsaufnahme ein, verzichtet immer mehr auf Schlaf, entledigt sich der einengenden Kleidung. Angetrieben von der Vision ein mit der Erde verschmolzener Baum zu sein, entwickelt sie sich zu einem Wesen, das nicht mehr als Sonne und Wasser benötigt. Wir werden Zeuge einer beklemmenden Metamorphose.

Nur einmal vermittelt Yong-Hue dem Leser das Gefühl, keine Angst mehr zu haben, geradezu glücklich zu sein. In dem Moment, als sie mit wunderschönen Blumen übermalt zusammen mit ihrem Schwager, der ebenfalls mit Blumen übertüncht ist, zu einem Kunstwerk zusammenschmolz und sie mit ihm schlief. Hier sind zwei Menschen zusammen gekommen, die außerhalb der Konventionen einen Weg zur Glückseligkeit und zu einem Hochgefühl erlangt haben. Und sie sagt: Nun habe ich keine Angst mehr. Das macht mir keine Angst mehr.

Aber die infernalische Vorahnung, dass der Weg Yong-Hues unaufhaltsam  in die Selbstzerstörung münden wird, lässt den Leser nicht los.

Diese Befürchtung wird Realität, als ihre Schwester sie in die Psychiatrie einweisen lässt. Das Paradoxe ist, dass die Person, die glaubt, eine nachdrückliche Fürsorge walten zu lassen, beim Anblick ihrer nackten bemalten Schwester und ihres bemalten Mannes die Quintessenz zieht, beide müssen irre sein. Ihr anerzogenes Denkmuster lässt keinen anderen Schluss zu. Ihre Schwester ist augenscheinlich krank. Hilfe kann sie nur in einer Klinik bekommen.

der vater schlägt sie und drückt ihr gewaltsam fleischstücke in den mund.

Der gesamten Erzählung liegt eine beklemmende Ruhe, Unbedarftheit und Schlichtheit zu Grunde, die auch durch die Unkompliziertheit der Sprache bekräftigt werden. Immer wieder muss Yong-Hye auf ihrem Weg, ein gewaltfreies Leben führen zu wollen, Gewalt erleiden. Ihr Vater schlägt sie und drückt ihr gewaltsam Fleischstücke in den Mund. In der Psychiatrie wird sie zwangsernährt, bis ihr Widerstand so groß wird, dass aus der Nasensonde und aus Yong-Hyes Mund Blut gegen das Gesicht der Hilfspflegerin, die den Schlauch hält, spritzt.

Sie will nicht mehr Teil dieser Menschheit sein, sie will nicht mehr angepasst sein, sie will nicht mehr den Regeln und Normen gehorchen. Sie will nicht länger als Körper existieren und funktionieren. Sie entscheidet sich für die Funktionsaufgabe. Ihre Freiheit erlangt sie im Tod.

Fazit:

warum die notrufe der hilfesuchenden nicht wahrgenommen werden.

Ein surrealer und wundersamer Weckruf, den Konformismus zu überdenken. Eine Mahnung zu prüfen, stet sagen zu wollen, etwas sein zu müssen. Ein Memento, über ein deprimierendes gesellschaftliches Phänomen zu reflektieren, warum die Notrufe der Hilfesuchenden nicht wahrgenommen werden und die eigenen Angelegenheiten, seien sie auch noch so lapidar, in den Vordergrund rücken und eine höhere Wichtigkeit besitzen.

Der Roman entstand in einem Staat mit einem vermeintlich erstklassigen Schulsystem, einer exzellenten Infrastruktur, einem Mobilfunknetz der fünften Generation, während in Deutschland die Netzbetreiber die dritte Generation anbieten, und erfolgreichen Weltkonzernen, wie Samsung oder Hyundai. In einem Staat, in dem Kinder bis in die Nacht auswendig lernen, in dem die weltweit höchste Selbstmordrate unter Kindern und Jugendlichen zu verzeichnen ist, in dem die niedrigste Geburtenrate und die höchste Arbeitszeit herrschen. In einem Staat, in dem ein zehnjähriger Junge kurz vor seinem Suizid in sein Tagebuch schrieb, dass er an zwei Tagen über zwanzig Stunden lernen müsse, ohne dass seine Noten besser würden… und er frei sein möchte wie ein Fisch im Wasser.

 

horst g. flämig

24.02.2017

Han Kang. (c) Baek Dahum

foto: © baek dahum

han kang.

han kang ist die wichtigste literarische stimme koreas. 1993 debütierte sie als dichterin, seitdem erschienen zahlreiche romane. seit sie für "die vegetarierin" gemeinsam mit ihrer übersetzerin 2016 den man booker international prize erhielt, haben ihre bücher auch international großen erfolg. zuletzt erschien von ihr bei aufbau der roman "menschenwerk", der mit dem renommierten italienischen malaparte-preis ausgezeichnet wurde. derzeit lehrt sie kreatives schreiben am kulturinstitut seoul.

foto: © baek dahum

 

>>der blauschmuck der frauen trägt die handschrift der männer. die anzahl der schläge bestimmen den blauton. rundes holz hinterlässt blaue flecken. eckiges holz ruft risse in der haut hervor. die frauen stapeln das runde holz auf dem stapel nach oben.<<

book review no 2.

blauschmuck.

blauschmuc.

sätze wie schläge.

rezension

blauschmuck - katharina winkler

über die machtlosigkeit, ohnmächtig ausgeliefert zu sein.

Ein kluger Mensch hat einmal gesagt: „Worte sind Sie wie Pfeile“. Erst einmal abgeschossen, kann man sie nicht mehr zurückholen. Jedes Wort erzeugt ein Bild in unserem Gehirn – es bewirkt Zustimmung oder Ablehnung - und führt zu entsprechenden Reaktionen.

Worte brechen das Schweigen. Und darin besteht der beachtliche Erfolg des Debütromans ‚Blauschmuck‘ der österreichischen Schriftstellerin Katharina Winkler.

Nach einer wahren Begebenheit erzählt Winkler vom Ausbruch einer Frau aus einer archaischen muslimischen 

Männerwelt. Die Geschichte von Filiz, die in einem kurdischen Dorf aufwächst, heiratet und später mit ihren Kindern nach Österreich ausreist. Sie erzählt von einem Martyrium in einer Ehe, das erst in der neuen Heimat endet, nachdem Nachbarn dafür sorgen, dass Filiz in ein Krankenhaus kommt, nachdem sie nicht nur, wie in ihrer Ehe alltäglich, geschlagen und vergewaltigt, sondern zusammengetreten worden ist.

 

er bricht mir das nasenbein. bricht mir beide kiefer.

Dabei erzählt Winkler ausschließlich aus der Wahrnehmung der jungen Frau heraus.

Österreich im Jahr 1998, irgendwo an der Donau: „Er zertrümmert den Nachttisch, den Rahmen des Bettes, die Bilder der Kinder fallen von der Wand. Er bricht meine Arme, die Rippen. Er bricht mir das Nasenbein, bricht mir beide Kiefer. Schläge fallen von der Decke. Schläge fallen von den Wänden, Schläge kriechen aus den Ritzen am Boden. (…) Du schlägst mich tot, aber du kommst mir nicht nah.“

Mit dieser Gewaltszene endet die Geschichte. Und von diesen Szenen gibt es im Roman etliche.

Wie kann ein Mann so brutal sein? Er hat ein Herz, er weint, nachdem er seine Frau einmal wieder zusammengeschlagen hat und ihren leblosen Körper ins Bett trägt. Er liebt sie, er braucht sie, sagt er, um sie bei nächster Gelegenheit wieder auf brutalste Weise zu erniedrigen, zu zerstören.

Ein erschütternder Roman, der angesichts der Debatte um physischer, psychischer und sexueller Gewalt auf erschreckende Art und Weise in unsere Zeit passt.

Blauschmuck könnte ein wunderschöner Saphir sein oder eine Kette aus afghanischem Lapislazuli. Doch dem ist nicht so. Blauschmuck tragen in dem kleinen Dorf, in dem Filiz aufwächst fast ausnahmslos alle Frauen. Am ganzen Körper, hellblau, dunkelblau, blau-rot, blau-schwarz. In den unterschiedlichsten Farbvarianten. Als Folge der fürchterlichen Schläge, denen die Frauen ausgesetzt sind.

Das Werkzeug, Holz oder Eisen, und die Anzahl der Schläge bestimmt den Blauton, heißt es lapidar.

Fast zehn Jahre hat es gedauert, bis die 1979 in Oberösterreich aufgewachsene Katharina Winkler, die Germanistik und Theaterwissenschaft studierte, die Sprache für diesen gewaltigen Roman fand. Anfang zwanzig war sie, als sie in der Landarztpraxis ihres Vaters der vollkommen verschleierten Frau begegnete, deren Leidensgeschichte ‚Blauschmuck‘ erzählt. Die in Gesprächen mit der Frau entstandenen Tonbandaufnahmen, insgesamt über 60 Stunden, hat die Autorin in einem einzigartigen und mehrfach ausgezeichneten Roman komprimiert.

Winkler wählt eine reduzierte, karge und harte Sprache, wuchtig wie die unerbittlichen Schläge mit dem Holzscheit, denen Filiz und die anderen Frauen im Dorf ausgesetzt sind.

EinfacheHauptsatzreihen bilden eine kunstvolle, literarische Sequenz. Es entsteht ein gewaltiger Sog, dem sich der Leser nicht entziehen kann. Harte Schnitte. Klarer, karger Sprachrhythmus.

Filiz‘ Hochzeit ist eine Orgie alkoholisierter Männer. Die Entjungferung ein Massaker.

ich liege still und angetastet. braut ich.

„Vor dem Haus stehen Männer, sie rauchen und warten ungeduldig auf Yunus und den Beweis seiner Männlichkeit. Sie rufen und pfeifen. Es ist kalt draußen, zu kalt für zwei Zigaretten.

Endlich rinnt mir das Blut zwischen die Beine. Yunus hat meine Jungfrau erlegt. Dunkler Fleck auf weißem Laken. Yunus küsst mich, Reglose, stolz auf die Stirn. Er legt das Laken in einen Korb, den seine Mutter, die nun meine Mutter ist, ihm gegeben hat.

Kante auf Kante, Blutfleck nach oben.

Die Wölfe fressen die Schafe, sie weiden sie aus. Sie wühlen in den Gedärmen. Lunge, Darm, Leber, Milz, Herz, Jungfrau.

Yunus geht mit dem Korb über das Fest und stellt meine Jungfrau zur Schau.

Ich liege still und angetastet.

Braut ich.“

wechselspiel von träumen und massakern.

Das Schockierende an dieser Geschichte ist, dass Filiz‘ Leid keinen Einzelfall darstellt, sondern in ihrer Herkunftsgesellschaft offenbar gängige Praxis darstellt.

Zu den erschütterndsten Passagen des Romans zählen jene, in denen ersichtlich wird, dass die Frauen des Dorfs die Vergewaltigungen schweigend erdulden und die Wunden, die ihnen zugefügt werden, in ihrer Hilflosigkeit als Auszeichnung zur Darstellung bringen. Und jene Frauen ächten, die einen unverwundeten Körper haben.

Auch Filiz wünscht sich als kleines Mädchen einmal ‚eine blaue Frau‘ zu werden.

Der Roman beinhaltet wohl auch gefährliches Potential. Vorurteile gegen die frauenverachtende Rückständigkeit von Muslimen finden nur allzu leicht ihre Bestätigung. Das Klischee einer rückständigen, patriarchalischen Kultur kann bei vielen Lesern durchaus erzeugt werden. Gleichzeitig entsteht aber auch eine tiefe Identifikation mit der Protagonistin.

Ein heftiger und aufwühlender Roman. Eine Poesie der Ohnmacht. Ein Wechselspiel von Nähe und Distanz, von Träumen und Massakern. Von vermeintlicher Liebe und Vergewaltigung. Von massiver Gewalt. Von archaischen Mustern. Von dem unerschöpflichen Durchhaltewillen. Von dem Glauben an das Leben.

Das Nachwort der Autorin ist eine Befreiung und eine Erleichterung.

 

horst g. flämig – 01.08.2017

katharina winkler. foto: © stefan klüter | suhrkamp verlag

foto: © stefan klüter | suhrkamp verlag

katharina winkler.

katharina winkler (geboren 1979 in wien). österreichische autorin und schauspielerin.

winkler studierte von 1997 bis 2002 germanistik, theater- und musikwissenschaft an der universität wien. am bruckner konservatorium linz studierte sie schauspiel, gesang und ballet.

sie veröffentlichte 2016 bei suhrkamp ihren debütroman 'blauschmuck', der zur gänze auf wahren begebenheiten beruhe.

>>sie ignorierte die schaufel und tauchte beide hände tief in den sand. dann richtete sie sich auf. ein Häuflein feuchter sand lag in ihren handflächen. sie löste sich von den umstehenden, trat einen schritt vor und ließ den sand mit einem dumpfen schlag auf den sarg fallen.“

book review no 3.

die eisträger.

die eisträger

über das schweigen in der ehe. 

„ich bin scherben. Ich bin splitter“.

rezension

die eisträger - anna enquist

„Sandboden hatte sie von jeher gehasst. Sie verabscheute die nachlässig hingewehten Dünen mit ihrem heimtückischen Helmgras, sie verachtete das Element, das sich so leicht vom Wind zerstreuen ließ.“

Die letzten Sätze

„Sie ignorierte die Schaufel und tauchte beide Hände tief in den Sand. Dann richtete sie sich auf. Ein Häuflein feuchter Sand lag in ihren Handflächen. Sie löste sich von den Umstehenden, trat einen Schritt vor und ließ den Sand mit einem dumpfen Schlag auf den Sarg fallen.“

Die frostige und kühle Ehe von Loes und Nico ist am Ende. Ihre in sich gekehrte Adoptivtochter Maj hat sich im Alter von neunzehn Jahren kurz vor dem Abitur dem Zusammenleben in der Familie entzogen.

Die Eltern nehmen keine Suche nach ihr auf, sie verfallen zunehmend in eisiges Stillschweigen, der Name ihrer Tochter wird nicht genannt, Erinnerungen werden nicht geweckt. Beide verbindet eine innige, unausgesprochene Übereinkunft, sich in Schweigen zu hüllen. 

wenn ehepartner eine unausgesprochene übereinkunft treffen, über das unsagbare zu schweigen.

Das Unsagbare ist zum Kern ihrer gebrochenen Verbindung geworden. Vielleicht aus Angst, Schuldeingeständnisse vor Augen geführt zu bekommen, vielleicht aus Furcht, die Schuld beim Partner zu suchen und ihn zu verletzen. Vielleicht aus Resignation, den Kampf, seinen Partner verändern zu können, verloren zu haben. Bei Nico vielleicht aus Frust, aufgrund seiner Unfruchtbarkeit, sich den Kinderwunsch in Form einer Adaption erfüllt zu haben und letztendlich versagt zu haben, dem Kind ein fürsorglicher Vater zu sein. Und Loes vielleicht aus Resignation, sich nicht stärker gegen die Voten ihres Mannes gestemmt zu haben. Die Beantwortung dieser Frage überlässt die Autorin dem Leser.

Die Lehrerin Loes versucht ihre nagenden Seelenregungen durch Alltagsroutine und zwanghaft einsetzende Gartenarbeit zu verdrängen. Doch die quälenden Gedanken an die Tochter überschatten ihr Tun. Sie bleibt weiterhin stumm. Das immer wieder aufkeimende Verlangen, mit ihrem Mann über das Verschwinden ihrer Tochter zu sprechen, erstickt sie im alltäglichen Dialog.

Nico, Leiter einer psychiatrischen Abteilung, stürzt sich in seine Arbeit als neuer Klinikchef, stets bemüht, nicht daran erinnert zu werden, dass er trotz seiner beruflichen Kenntnisse seiner Tochter gegenüber hilflos war. Zudem versucht  er,  die Erinnerungen auf seinem Rennrad los zu werden.

Auch Kollegen und Vorgesetzten von Nico bleibt nicht verborgen, dass die Fassade, die er und seine Frau errichtet haben, zunehmend Risse aufweist. Jedoch können auch sie den Wall des Schweigens  nicht aufbrechen.

 

warum versäumen ehepartner, über gespräche vertrauen und hoffnung aufzubauen?

Anna Enquist versteht es auf eindrucksvolle Art und Weise, das Zusammenleben des Paares zu analysieren. Nico will die gesamte Klinikkonzeption verändern. Er hat durchaus interessante Strategieansätze und treibt mit Vehemenz seine Ideen voran. Er versäumt es jedoch, seine Mitarbeiter einzubinden, sie für neue Aufgaben zu motivieren. Die Mitarbeiter wollen keine Veränderungen. Das Vertraute gibt ihnen Sicherheit. Das Neue stellt sie vor Probleme. Eine typische Reaktion im alltäglichen Leben.

Nico versäumt es, in der Ehe über Gespräche Vertrauen, Zusammenhalt und Hoffnung zu erzeugen. Ebenso fehlen ihm die Qualifikationen, Mitarbeiter zu führen.

Loes fehlt der Mut, etwas gegen die Entschiedenheit ihres Mannes zu setzen. Letztendlich bedient sie immer wieder das gleiche Rollenmuster: Verteidigung ihres Mannes.

„Wie das Meer bei zurückgehender Flut zog es an ihr: Sie musste ihn verstehen, ihn stützen, ihm helfen. Das tat eine Frau für ihren Mann, so gehört es sich. Vielleicht schon mehr als zweitausend Jahre.“

Der Leser wird in Spannung gehalten und hat eine Vorahnung, dass sich die Ereignisse überstürzen und in einer Katastrophe enden werden. Vordergründig setzt eine fast stereotype Entwicklung ein.

Nico gesteht sich sein Versagen ein. Ohne mit Loes darüber zu sprechen.

„Früher gab es in den Pyrenäen Eisträger, die mit schweren, aus dem Gletscher gehauenen Blöcken auf den Schultern ins Tal zu den Palästen in Foix und Toulouse marschieren. So wie Los und ich.“

Und Loes räumt ein. Ohne mit Nico darüber zu reden.

„Und ich habe mitgemacht. Zu lasch, um nein zu sagen, zu unsicher, um gegen seine Entschiedenheit anzugehen, zu ängstlich, ihn zu verärgern, sie hätte darauf bestehen müssen, die Tochter von einem Kollegen untersuchen zu lassen. Sie war zur Mitschuldigen geworden.“

Wie weit sich Loes von ihrem Mann entfernt hat, bringt die Autorin in prägnanter Form zum Ausdruck.

„Seinen Körper mit dem ihren auffangen, der sie in ihrem Beisein in Besitz nimmt“.

Eine unvergleichliche und markante Form, den Geschlechtsakt zu beschreiben.

Nicos neue Aufgabe überfordert ihn. Er versagt. Er verlässt fluchtartig die Klinik. Er wird suspendiert. Er verbringt die Nacht mit einer Praktikantin. Aber auch in dieser Flucht findet er kein Entrinnen, keine Bewältigung seines Seelenchaos. Er fährt aufgewühlt allein zurück. Ruft seine Frau an, um zu sagen: „Ich wollte das nicht. Es ist einfach passiert. Es hat nichts zu bedeuten“. Er will wieder zu ihr zurück. Von vorne anfangen. Er hat bereits wieder für beide diese Entscheidung getroffen. Sie aber dachte, ich gehe weg von hier. Weg aus diesem Haus.

Das Auto kommt von der Straße ab. Er kommt bei dem Unfall ums Leben. Beerdigung. Reden. Ein Grab im Sandboden. Ein junges Mädchen lehnt an einem Baum. Sie schaut auf das Grab. Nur der Leser weiß, dass es ihre Tochter ist.

das zusammenleben nicht in alltagsroutine ersticken lassen.

Anna Enquist lässt durch ihren klaren, fast kalten Schreibstil die Psychoanalytikerin durchscheinen. Der Leser wird eindrucksvoll an die Verzweiflung und Hilflosigkeit der Eltern herangeführt. In kurzen Sätzen. Sachlich, präzise und gleichzeitig poetisch geformt.

„Ich bin Scherben. Ich bin Splitter“.

Ihre pragmatische Poesie lässt einen nachdenklichen Leser zurück. Das Buch ist ein Weckruf, über das Zusammenleben und das Zusammenarbeiten nachzudenken.

Ein Appell, den Austausch über Gefühle, Vorstellungen und Wünsche nicht von zwanghafter Routine ersticken zu lassen, indem nur noch über die Alltagsorganisation gesprochen wird.

Eine Anmahnung, Anknüpfungspunkte im Diskurs zu finden. Damit fehlende Kommunikation und Information nicht zu Missverständnissen und Fehleinschätzungen führen.

„Er würde dem jungen Gärtner einen Prozess anhängen. Ein Gespräch heute Abend. Oder besser nicht? Besser nichts sagen und nach Knutschflecken an ihrem Hals forschen, nach Briefen in ihrer Schreibtischschublade. Sich vom Gärtner trösten zu lassen. Er hat natürlich im Schuppen an ihr herumgefummelt.“

Fazit:

Ein kompakter Roman. Ein alltagstaugliches Werk. Übertragbar auf viele zwischenmenschliche Beziehungen im privaten Bereich oder im Berufsleben. Jedoch bleibt beim Leser der Eindruck bestehen, dass das Beziehungsdrama die Oberfläche nicht verlässt. Zuweilen zu sehr durchdrungen von klischeehaften Bildern. „Auf Sand gebaut“. Vielleicht etwas zu viel Sand. Deshalb reicht es für eine Empfehlung aus voller Überzeugung nicht aus.

 

horst g. flämig - 31.03.2017

anna enquist

anna enquist, geboren 1945 in amsterdam, ausgebildete konzertpianistin und psychoanalytikerin, schreibt gedichte, essays und romane, von denen einige in fünfzehn sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet wurden.

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han kang. foto: © baek dahumg.