© 2019  LITERATUR IN OTTOBEUREN

OSIANDER ist Partnerbuchhandlung des Ottobeurer Literaturkreises

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donnerstag 30. januar 2020 | 19:30 bis 20:30 uhr

Ein Bild. Fünf Geschichten.

Ein Exkurs

william boyd. alina bronsky. helene hegemann. kristen roupenian. jan weiler. fünf geschichtenerzählerinnen und -erzähler. fünf geschichten.

die geschichten. art/rat. frau koch kommt später. my heart is full now. milkwishes. schweankes vögel.

dieses foto  des fotografen karl krempf wurde von der redaktion des süddeutsche zeitung magazins an fünf renommierte autoren geschickt. als anregung für ihre geschichten. es entstanden sehr differente stimmungsbilder. spannungsvoll erzählt. mit individuellen sichtweisen auf das objekt. die vielsagende sichtweise des fotografen: 'let it be'.

let it be, let it be, let it be, let it be. whisper words of wisdom, let it be - sangen die beatles 1970.

 

für den ottobeurer literaturkreis inspierierend, sich mit den geschichten auseinanderzusetzen und darüber zu diskutieren.  welche blickwinkel dabei aufeinander stoßen werden und wie unterschiedlich das gelesene nachwirken wird, erscheint an dieser stelle nach beendigung des exkurses. auf das resümee des kreises bin ich gespannt.

das literaturheft erschien am  25. august 2019. nummer 54. die redaktion des süddeutsche zeitung magazins hat den teilnehmern des ottobeurer literaturkreises das literaturheft für die besprechung freundlicherweise zur Verfügung gestellt. herzlichen dank.

Ein Haus. Ein Auto. Zwei braune Garagentore. Unkraut.

foto: © karl kempf. titel "let it be"

gerne können sie ein gedrucktes exemplar im sz-shop nachbestellen. mit einem click auf das literaturheft.

Besprechung der Geschichten no. 1 bis no. 5 folgt. Nach Abschluss des Lesetreffs am 30. Januar 2020.

geschichte no. 1

William Boyd | art/rat
 

die ersten sätze

Bethany Mellmoth blickt auf ihr Handy. Sie befindet sich in einer Gegend von London, in die sie noch nie einen Fuß gesetzt hat – was ihr ein wenig beschämend vorkommt, in Anbetracht der Tatsache, dass sie schon ihr Leben lang in London lebt. In diesen sechsundzwanzig Jahren jedoch hat es sie noch nie hierher nach Freezy Water verschlagen – bis heute. Sie hatte den Zug nach Enfield genommen, dem Bezirk am äußersten nördlichen Stadtrand, und war nach einstündiger Fahrt am Bahnhof Turkey Street Station ausgestiegen – ein weiterer kurioser Name. Und nun ist sie hier in Freezy Water auf der Suche nach der Honeysuckle Lane. So langsam kommt sie sich vor wie Alice im Wunderland oder eine andere Figur aus einem Kinderbuch. Wer lässt sich solche Namen einfallen? Wie, fragt sie sich, kann jemand allen Ernstes in einer Honeysuckle Lane in Freezy Water wohnen? 

quelle: sz magazin | nummer 34 | 23. august 2019 | s. 13

william boyd. foto: © barbara dietl

foto: © barbara dietl

geschichte no. 2

Alina Bronsky | frau koch kommt später
 

alina bronsky. foto: © julia zimmermann

die ersten sätze

Der Makler rief an, es sei etwas reingekommen, genau in ihren Preisvorstellungen. Er habe erst etwas gezögert, weil es, nun ja, ein wenig spezieller sei, aber bei der derzeitigen Lage auf dem Immobilienmarkt und ihren Suchkriterien sehe er sich nicht berechtigt, es ihnen vorzuenthalten. Sie mochten den Makler beide, weil er dem Maklerklischee von allen seinen Kollegen, die sie gesehen hatten, am wenigsten entsprach: Er hatte ein unglückliches intellektuelles Gesicht, sprach schnell und undeutlich und zuckte bei jeder Frage zusammen. Aus unerfindlichen Gründen schien ihnen gerade das vertrauenerweckend. 

quelle: sz magazin | nummer 34 | 23. august 2019 | s. 13

foto: © julia zimmermann

geschichte no 3

Helene Hegemann | my heart is full now
 

die ersten sätze

Anyway, wir sind jetzt in Ostdeutschland, es gibt keine Autobahn­abfahrt. Die Menschen brauchen fünfzig Minuten in die Stadt. Mit dem Begriff »Stadt« ist hier die geografische Mitte der Kleinstadt gemeint, in deren Nähe sich ihr See befindet. Sie leben am Ostufer. Manche von ihnen haben Geld, manche nicht. Man sieht hier keinem die Höhe seines Jahreseinkommens an. Am stärksten regnet es im Mai. Eine Ansammlung von nicht zu Ende verputzten Häusern, dazwischen Trampelpfade aus Schlamm, die paar Wochen später trocknen und zu Staub zwischen meterhoher Wiese werden. Jetzt ist Juni. Dann glüht das Kaff in der Sonne. Und die Tiere kommen. Und die Menschen beginnen eine Art unsystematische Niedergeschlagenheit zu spüren, die wenig mit dem zu tun hat, was sie als Gefühl bezeichnen würden. 

quelle: sz magazin | nummer 34 | 23. august 2019 | s. 13

helene hegemann. foto: © urban zintel

foto: © urban zintel

geschichte no. 4

Kristen Roupelian | milkwishes
 

krisen roupenia. foto: © © elisa roupenian toha

die ersten sätze

Milkwishes war schon viele Jahre tot, als Ryan bemerkte, dass er ihren Namen vergessen hatte. Das war im Juni, als er zum 67. Geburtstag seiner Mutter nach Hause reiste. Er saß ganz vertraut mit ihr auf der Veranda, und sie redeten gerade darüber, dass sie wirklich etwas gegen das Unkraut unternehmen müssten, als Ryan den Löwenzahn zu seinen Füßen entdeckte, der zu früh weiß geworden war.

quelle: sz magazin | nummer 34 | 23. august 2019 | s. 13

foto: © © elisa roupenian toha

geschichte no 5

Jan Weller | schwartes vögel
 

die ersten sätze

Wenn ich das Geld gehabt hätte, dann hätte ich es vielleicht gekauft, Schwarkes Haus. Es war nicht einmal teuer, 190 000 Euro. Wahrscheinlich hätte man noch handeln können, denn das Wertvollste daran war sicher der Garten mit den Obstbäumen. Überall in unserer Gegend haben früher diese Häuschen gestanden. Wo die Besitzer gestorben sind, haben die Erben entweder modernisiert und Briefkästen aus Aluminium neben die Tür gehängt, oder verkauft. Das Haus von Schwarke war eines der letzten, die noch so aussahen wie in meiner Kindheit.

quelle: sz magazin | nummer 34 | 23. august 2019 | s. 13

jan weiler. foto: © tibor bozi

foto: © tibor bozi

kristen roupenia. foto: © © elisa roupenian toha