DER WILDE

GUILLERMO ARRIAGA

Bild von Candelario Gomez Lopez auf Pixabay 

Kürzlich las ich in einem Kommentar, dass Krisen, wie die Corona-Pandemie in den Menschen einerseits das Beste und andererseits das Schlechteste hervorrufen. Da ist etwas dran. Für beide Sichtweisen gibt es unzählige Beispiele.

 

Solidarische privater Gruppen unterstützen Hilfsbedürftige. Spießer schwärzen ihre Nachbarn an. Einheimische machen Jagd auf Autos mit fremden Kennzeichen. Infizierte werden stigmatisiert, ihnen schlagen Hassgefühle und Feindseligkeiten entgegen. Migranten werden beschuldigt, für die Ausbreitung des Coronavirus im Land verantwortlich zu sein. Religionen werfen sich gegenseitig vor, die Schuld an der Verbreitung des Virus zu tragen.

Leider muss ich feststellen, dass in den Medien die Berichte und Kommentare über das Verwerfliche im Menschen dominieren, was kein Kuriosum darstellt. Im Gegenteil. Negative Meldungen bestimmten immer schon, auch vor Corona, die Palette der Meldungen.

 

Irgendwann hielt ich dann den mexikanischen Roman 'Der Wilde' in den Händen. Jetzt lese ich das Werk. Immer wieder versucht, es wegzulegen. Lese aber dann doch weiter. Vom Abgründigem im Menschen angezogen. Wahrscheinlich bin ich der atypische Corona-Leser. 'Die Pest' von Albert Camus, 'Die Stadt der Blinden' von José Saramago und 'Der Wilde' von Guillermo Arriaga liegen beieinander neben meinem Bett, Und mein Schlaf ist gut.

miteinander - auseinander - füreinander. horst. g. flämig

foto: guillermo arriaga.. © cannarsa/opale/leemage/laif.

EIN MEXIKO EPOS 

GEWALTIG. WUCHTIG. ARCHAISCH. 

In dem Roman 'Der Wilde' gedeiht das Schlechteste im Menschen. Er spielt in einer Welt, in der das uralte Gesetz vom Fressen und Gefressenwerden die gültigste aller Überlebensregeln ist.

 

Der siebzehnjährige Jaun Guillermo wird in Gangkriege und Drogengeschäfte hineingezogen. 

In Mexiko-City Ende der sechziger Jahre. In einer Stadt, geprägt von Entführungen, Morden, bewaffneten Konflikten zwischen der Polizei und den Drogenkartellen.

 

Es hat sich nichts geändert. 50 Jahre später stehen ungefähr 50.000 Armeeangehörige und 35.000 Bundespolizisten gegen schätzungsweise 300.000 Angehörige der mexikanischen Drogenkartelle und ihre paramilitärischen Einheiten im Einsatz.

ZUM INHALT 'DER WILDE'

Juan, der früh die gesamte Familie verliert - und darüber bloß noch Wut empfindet, beschließt: "Ich werde wild sein. Ich lasse mich nicht aufhalten. Wenn ich mich rächen muss, werde ich mich rächen."

Guillermo Arriaga beleuchtet eine erbarmungslose Reflexion über die Bestie Mensch. In zwei gekonnt verwobenen Erzählungen stehen zwei Menschen des gleichen Kalibers.

 

Auf der einen Seite der 17-jährige Juan Guillermo, der im Mexiko der späten Sechzigerjahre nach dem Mord an seinem großen Vorbild, seinem älteren Bruder Carlos, auf Rache aus ist - und die Nachmittage mit Freunden auf den Hausdächern von Mexiko Stadt verbringt, einer verrohten Welt zwischen Wäscheleinen und Wassertanks. Es wird mit Drogen gehandelt, Banden ziehen durch die Straßen, illegale Straßenkämpfe finden statt. Eines Tages rettet er einen gefährlichen Wolfshund, den sein Nachbarn einschläfern wollte.

Auf der anderen Seite der in der schneebedeckten Weiten Kanadas kämpfende Inuit Amaruq, der von der Vorstellung getrieben ist, einen Wolf namens Nujuaqtutuq - was soviel wie "Der Wilde" bedeutet - zu jagen und zu töten.

 

Doch als Amaruq dem verletzten und von der Jagd geschwächten Wolf schließlich und endlich gegenübersteht, glaubt er, in dem Tier die zurückgekehrte Seele seines Großvaters zu erblicken. Er beschließt, das Tier nicht zu töten - und stattdessen zu zähmen.

Bei Juan führt die sich entfaltende Verbundenheit und Vertrautheit mit dem Wolfshund zur Zähmung seiner Rachegelüste. Ein Weg hinaus aus der Verrohung und Gewalt tut sich auf.

 

In einer einzigartigen Puzzle-Dramaturgie werden unterschiedliche Zeitverläufe und Handlungsstränge miteinander vollendet verwoben. Zwei Parallelgeschichten fügen sich zu einem Bild zusammen.